Während Brâncușis Œvre in Frankreich sehr populär ist, ist der Bildhauer in Deutschland bisher nur Kunstkennern ein Begriff.
In Kooperation mit dem Centre Pompidou in Paris zeigt die Neue Nationalgalerie die erste Werkschau des Künstlers seit über 50 Jahren in Deutschland. Die Ausstellung soll dem Künstler auch hierzulande die ihm angemessene Wahrnehmung verleihen.
Constantin Brâncuși (1876–1957) zählt zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Nach traditionell-akademischen Anfängen in Rumänien fand er ab 1907 in Paris zu einem eigenen Stil. Seine organischen, bis auf das Wesentliche reduzierten Skulpturen aus Marmor, Bronze, Holz und Gips machen ihn zum Vorreiter der skulpturalen Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert.
Interessant ist dabei sein Weg dorthin: Brâncuși begann mit präzise ausgearbeiteten, naturalistischen Figuren, wie man sie an der Akademie lernte. Erst mit den Jahren in Paris löste er sich zunehmend von der reinen Abbildung und trieb seine Formen immer weiter in die Reduktion. In dieser Entschlossenheit stand er in engem Austausch mit der Pariser Avantgarde um Marcel Duchamp, mit dem er auch persönlich befreundet war und griff damit Ideen auf, die später auch den Surrealismus prägten.

Wie deutlich das wird, zeigt sich z. B. an „Vogel im Raum“: eine hochglanzpolierte, in die Höhe ragende Form, weit von jeder Feder und jedem Flügel befreit, dass darin eher die Idee des Fliegens steckt als ein Vogel selbst. Als eine Bronzeversion davon 1926 für eine Ausstellung von Paris nach New York verschifft wurde, weigerte sich der amerikanische Zoll, das Werk als Kunst anzuerkennen. Für die Beamten war es schlicht ein poliertes Stück Metall und damit zollpflichtig, während Kunstwerke steuerfrei einreisen durften. Brâncuși klagte und bestand darauf, dass Kunst nicht aussehen muss wie das, was sie darstellt. 1928 gab ihm das Gericht recht. Der Fall gilt bis heute als ein wichtiger Präzedenzfälle für die Anerkennung abstrakter Kunst und hat damit späteren Generationen abstrakter Künstler erst den Boden bereitet, auf dem sie arbeiten konnten.

Mit über 150 Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Filmen und bisher kaum gesehenen Archivmaterialien aus dem Centre Pompidou sowie aus weiteren privaten und öffentlichen internationalen Sammlungen präsentiert die Ausstellung in der Nationalgalerie den bisher umfangreichsten Überblick über Brâncușis vielseitiges Schaffen. Zu sehen sind etwa die Hauptwerke „Schlummernde Musen“: eine Reihe von Köpfen in schlichter, reduzierter Form und die „Unendliche Säule“. Der Name bezieht sich nicht auf die tatsächliche Höhe, sondern auf die Bauweise aus gleichen Modulen, die sich endlos aufeinanderstapeln ließen. Das Original in Târgu Jiu in Rumänien misst fast 30 Meter. Die in Berlin gezeigte Fassung ist eine deutlich kleinere Studioversion, weshalb der Name im Ausstellungsraum überraschen könnte.
Wie durchdacht Brâncuși seine Werke präsentierte, zeigt sich besonders im rekonstruierten Atelier, das damit erstmals seit seiner Übergabe an den französischen Staat 1957 außerhalb von Paris zu sehen ist: Er hat seine Skulpturen dort mit eigens gestalteten Sockeln, gezieltem Lichteinsatz und über selbst aufgenommene Fotografien und Filme immer wieder neu in Szene gesetzt.

Am meisten gefallen hat mir der „Der Kuss“: zwei zu einem einzigen Block verschmolzene Figuren, in denen eine mitreißende Zärtlichkeit steckt. Und vielleicht ist genau das der rote Faden der ganzen Werkschau. Diese Leidenschaft, mit der Brâncuși an seinen Werken gearbeitet hat, überträgt sich auf uns Besucher, die sich davor versammeln.
Dass Brâncuși bis heute über Generationen hinweg berührt, zeigt sich vielleicht sogar daran, wie sein Name inzwischen weiterlebt: Ausgesprochen klingt „Brâncuși“ schnell wie „Bra, ’n Kussi“. Fast so, als wolle man ihm nach dieser Ausstellung einen Kuss geben und den hat er sich verdient.


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