Von Innsbruck nach Schwaz dauert es mit dem Auto weniger als eine Stunde. Zu Fuß sechs Berge und sechs Tage.
Am Anfang dachte ich, bei so viel Zeit zum Laufen hat man auch Zeit, über die großen Fragen nachzudenken. Schließlich macht man ja nichts, außer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Am Ende hat man dann aber gar nicht so viel über das Leben philosophiert. Stattdessen ging es vor allem ums Ankommen, um die Vorfreude aufs Essen und darum, wo man als Nächstes hintritt, wenn der Weg nur ein schmaler Trampelpfad ist. Jeden Tag sind wir früh aufgestanden, um früh anzukommen. Wir wollten schnell ans Ziel, und jeden Tag mussten wir uns wieder daran erinnern, dass Pausen Teil des Plans sein sollten, um die Aussicht zu genießen und zu sehen, was man an Wegstrecke schon alles hinter sich gelassen hat. Dafür fährt man schließlich in die Berge. Wir haben also versucht längere Pausen zu machen, das hat so gut geklappt wie die meisten guten Vorsätze.

für die müden Wanderer
Konsequenter waren wir beim Stellen einer anderen Frage: Sollten wir nicht lieber eine Etappe auslassen? Es war einfach doch sehr anstrengend. Wir haben jeden Abend aufs Neue verhandelt und sie jeden Morgen wieder verworfen. Bis sich die Frage irgendwann von selbst erledigte:
Auf dem nächsten Gipfel hielten wir kurz nach der Wegmarkierung Ausschau. Hinter uns standen noch Leute an der Bergkante und winkten uns zu, wir winkten fröhlich zurück, wie beim Abschied am Bahnsteig, und merkten erst später, dass sie uns eigentlich vor dem falschen Weg warnen wollten.
So hatten wir einen Talgang und einen zusätzlichen Aufstieg vor uns und am Ende deutlich mehr Kilometer hinter uns, als eigentlich vorgesehen war. Irgendwie hatte das aber auch etwas Befreiendes: Schlimmer als das hier wird es ohnehin nicht mehr, dachten wir und haben am Ende alle sechs Etappen zu Ende gebracht.

Belohnt wurden wir jeden Tag aufs Neue. Mit einem Ausblick, der die Wanderung wert war, und einem Kaiserschmarrn, der schon ab dem ersten Schritt im Kopf war. Die eigentliche Krönung kam aber jeden Abend: ein Dreigängemenü aus Suppe, Hauptgang und Nachtisch. 5 Tage hinter einander. Wer sich erst durchbeißt, kann sich dann durchfuttern.
Und das unter denselben Gesichtern wie am Abend davor: Eine Woche lang saß man unter Menschen, die man vorher nie gesehen hatte und die einem von Hütte zu Hütte bekannter vorkamen. Erst auf der nächsten Station des Inntaler Höhenwegs, dann auf der übernächsten, immer wieder dieselben Gesichter.
Man trifft sich, ohne sich verabredet zu haben. Wird Teil einer Gruppe, ohne dass das je der Plan war. Jeder ist irgendwie denselben Weg gelaufen und hat trotzdem eine andere Wanderung gemacht. Es stimmt also: 1000 Wege führen nach Rom oder eben zur nächsten Hütte, und am Ende sitzt man am selben Tisch wie alle anderen. So viel dann doch noch zu den großen Fragen des Lebens.





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