Am Anfang steht der Potsdamer Platz. Ernst Ludwig Kirchner zeigt zwei elegant gekleidete Frauen mitten im Getümmel der Stadt. Sie sehen nach Rausch aus, nach dem guten Leben. Aber vielleicht stehen sie dort gar nicht zum Vergnügen, sondern hinter der Fassade für ihr Einkommen, auf sich allein gestellt, in einer Zeit, in der das für Frauen etwas Neues war.

In „Ruin und Rausch“ in der Neuen Nationalgalerie hat jedes Bild zwei Seiten, wie eine Medaille. Rund 35 Werke aus der Klassischen Moderne zeigen das Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre. Die Ausstellung ist in drei Kapitel gegliedert: Zuerst geht es um den Aufschwung der Metropole, dann um das soziale Elend, zuletzt um die urbane Frau mit ihrem Freiheitsdrang und queerem Leben. Jedes Kapitel setzt einen Schwerpunkt, doch die andere Seite ist nie weit. Im dritten Kapitel kommen beide Seiten in einzelnen Menschen zusammen. Denn die neue Freiheit der Frauen war Aufbruch und Wagnis zugleich: Sie bedeutete Selbstbestimmung, aber auch, selbst für das eigene Auskommen sorgen zu müssen. Der Ausstellungsraum ist klein, mit wenigen Schritten geht man vom einen ins andere. Vermutlich lag all das in der Stadt ähnlich nah beieinander, denn eine große, wachsende Metropole ist nie homogen. Dadurch wirkt der Glanz brüchig.

Besonders deutlich wird das bei Otto Dix‘ „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“: Sie trägt ein schönes rotes Kleid und ein weiß geschminktes Gesicht. Sie war Mitte zwanzig, ihr Gesicht wirkt aber viel älter. Vielleicht versucht sie mit der Schminke zu verbergen, wie viel sie schon erlebt hat, und nach außen eine saubere, junge Fassade zu halten. Bei George Grosz‘ „Grauer Tag“ legt schon der Titel nahe, dass hier nur die Seite der Ruine zu sehen ist: Männer laufen in verschiedene Richtungen aneinander vorbei, jeder für sich. Schaut man genauer hin, steckt auch hier die andere Seite im Bild: Hinter der Ecke blickt ein kleiner Mann neugierig hervor, als schaue er nach vorn. Auf einen grauen Tag folgt irgendwann ein heller.

Am Ende hängt Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ von 1930. Der Titel schlägt den Bogen zum Anfang: Der Potsdamer Platz trägt seinen Namen nach der Straße, die von Berlin nach Potsdam führt. Dort das Getümmel der Stadt, hier der Blick über Potsdam, wenn der Abend beginnt. Fünf Menschen sitzen auf einem Balkon an einer langen, weißen Tafel und blicken über die Stadt. Das Bild lässt an das letzte Abendmahl denken. Aber was die Nacht bringt, ist noch offen: Ruin oder Rausch.

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