
Zwischen Spiegeln und Geschichten: Diane Arbus im Gropius Bau
Es sind meistens Gesichter, denen man direkt ins Auge blickt. Und diese Blicke der Menschen auf Diane Arbus’ Fotografien schauen zurück. Mit Diane Arbus: Konstellationen zeigt der Gropius Bau in Berlin die bislang umfassendste Ausstellung der US-amerikanischen Fotografin. 454 Schwarz-Weiß-Aufnahmen, viele davon erstmals öffentlich zu sehen, entfalten ein kaleidoskopisches Porträt menschlicher Vielfalt.
Doch die Schau erzählt nicht nur die Geschichten der Abgebildeten, sondern öffnet auch einen Raum für die Geschichten der Betrachtenden. Zwischen Porträts von Zirkusartist*innen, Ballerinas, Menschen mit Masken oder „Namenlosen“ begegnet man vor allem sich selbst. Hinter den Fotografien hängen nämlich teilweise selbst Spiegel, sodass man unweigerlich Teil der Ausstellung wird. Aber in Farbe, während Arbus’ Welt in Schwarz-Weiß bleibt.
Dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen Bühne und Blick hinter die Kulissen, zieht sich durch die Ausstellung wie ein roter Faden. Was heißt es, sich selbst zu zeigen? Und was heißt es, gesehen zu werden? Arbus’ Kamera fusionierte beides: das Schauspiel des Lebens und die Wirklichkeit dahinter.
Die Fotografien selbst sind nicht nach Jahren oder Themen sortiert, sondern in scheinbar zufälliger Folge angeordnet. Alle Betrachtenden suchen ihren eigenen Weg dadurch. Es gibt also kein „richtiges“ Durchlaufen, kein festgelegtes Narrativ. So vielfältig wie die Menschen auf den Fotografien ist also auch der Blick, den man auf sie werfen kann.
Im Booklet sind nur die beschreibenden Bildtitel vermerkt, wenn es überhaupt welche gibt. Die Geschichte dahinter bleibt offen. Eine Einladung, sich selbst ein Bild zu machen. Vielleicht entdeckt man darin nicht nur die Menschen aus New York der 1950er- und 60er-Jahre, sondern auch Hintergrund-Details der eigenen Geschichte. Denn das Leben, so scheint diese Ausstellung zu sagen, ist nicht nur schwarz-weiß. Es ist voller Zwischentöne und vor allem, im Spiegel, auch in Farbe.